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Wachstum trotz Knappheit – Das Dilemma der MENA-Region im Kontext der „Green Growth“-Debatte

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Wachstum trotz Knappheit – Das Dilemma der MENA-Region im Kontext der „Green Growth“-Debatte

Das Dilemma der MENA-Region im Kontext der „Green Growth“-Debatte

Spätestens seit der diesjährigen UN-Konferenz Rio plus 20 hat sich ‚Green Growth’ als neues paradigmatisches Schlagwort im inter- nationalen Diskurs etabliert. Wirtschaftliches Wachstum soll mit Umweltschutz und Armutsbekämpfung einhergehen; gleichzeitig sollen möglichst alle Schichten und Sozialgruppen beteiligt werden. Grünes Wachstum wird somit als Mittel und Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung definiert.

Modewort und Programm für Nachhaltigkeit
Das Abschlussdokument der Rio-Konferenz betont dabei das Recht der Länder, dieses neue Paradigma zu interpretieren und ihre eigenen Wege bei der Umsetzung des grünen Wachstums zu gehen. ‚Nachhaltigkeit‘ als Handlungsprinzip trat mit dem Brundtland-Report 1987 erstmals aus der Nische und wurde mit dem ersten Rio-Gipfel 1992 zum globa- len Paradigma. Die Akzeptanz solcher oft westlich dominierter Diskurse im arabi- schen Raum bleibt jedoch begrenzt, und in den Staaten der MENA-Region wird bis heute kaum nachhaltig gewirtschaf- tet. Dabei können die grundlegenden Prinzipien der Nachhaltigkeit im arabi- schen Kulturkreis durchaus eigenständig deiniert werden, besitzt die arabische Kultur doch ihr traditionelles, ureigenes Verständnis hiervon. Im Streben nach einem verantwortungsvollen Wachstum etwa, das in ein ‘gutes Leben’ (Hayyat Tayebah auf Arabisch) für alle Bürger mündet, sind Nachhaltigkeitsprinzipien seit Jahrhunderten verankert. Ein solches Leben betont die Bodenständigkeit in der Lebensführung und schließt somit Verschwendung aus.

Derzeit sind viele Volkswirtschaften der MENA-Region jedoch stark auf die Ausbeutung und Nutzung natürlicher Ressourcen angewiesen. Manche dieser Länder besitzen mineralische Rohstoff- vorkommen im Überluss, gleichzeitig aber sind regenerative Ressourcen knapp und unentbehrlich. Das Wachstum, welches bis dato wesentlich durch die fossilen Energieträger Öl und Gas und andere mineralische Rohstoffe getrieben wird, ging deshalb in den letzten Jahrzehnten mit einer dramatischen Verarmung und Überlastung des Naturraums und seines Dargebots, allen voran des Wassers als strategischer Ressource, einher.

Wasser und (grünes) Wachstum

Wassermangel behindert das ökonomische Wachstum, Knappheit treibt den Preis und erzeugt  durch erhöhten tech-nischen Aufwand – weitere ökonomische Kosten. Die Übernutzung verschlechtert die Wasserqualität und den Produktivwert der Ressource. Nicht zuletzt gefährden schwelende und zukünftige Konflikte um Wasser die mögliche Wirtschaftsentwicklung.

Auf der anderen Seite verschärft das wirtschaftliche Wachstum die Wasserknappheit in der Region. In den letzten Jahrzehnten stiegen in der Region die Einkommen, die Urbanisierungsrate hat sich beschleunigt und die Lebens- erwartung erhöht. Damit gehen Bevölkerungswachstum und eine Änderung der Lebensstile einher. Auch die rohstoff- basierten Wachstumsmodelle sind per se wasserintensiv. Die gesteigerte Energieerzeugung wie auch der zunehmende Tourismus erhöhen die Nachfrage weiter. Dies machte die Länder der Region zu den wasserärmsten weltweit.

Für grünes Wachstum in der MENA-Re- gion ist daher ein erfolgreiches Wasser- management unentbehrlich. Bisher hat- ten sich die ‘policy’-Reformen im Wasser- sektor darauf konzentriert, die auf ver- schiedene Institutionen verteilten Aufga- ben und Zuständigkeiten (sei es Technik, Ökonomie, Umwelt und Soziales) im Hinblick auf Ressource für den Bereich Wasser zusammenzulegen. Getreu der Sichtweise des integrierten Wasser- ressourcenmanagements (IWRM) haben arabische Länder in den 1990er Jahren damit begonnen, Wasserministerien zu errichten. Hiermit wird sowohl die Ange- bots- als auch die Nachfrageseite inner- halb des Sektors integriert. Die Umsetzung dieser Reformversuche hat jedoch nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen geführt. In vielen Fällen wird das Wasser nach wie vor inefizient gewonnen, verteilt und genutzt. So haben einige urbane Versorgungssysteme der Region noch immer sehr hohe Leitungsverluste (unaccounted-forwater) von bis zu 50 %. Mängel des Wassermanagements be- treffen bis heute die Landwirtschaft, die Energiewirtschaft wie auch den Gesundheitssektor. Wasserverschmutzung, der Anbau von wasserintensiven Planzen, der Einsatz von wasserverschwendenden Produktionstechnologien und fehlende Sparanreize sind daher ein deutliches Zeichen für Managementversagen im Wassersektor, welches oft die gesamte Wertschöpfungskette einer Volkswirt- schaft in Mitleidenschaft zieht.

Jenseits der institutionellen Neuordnung bedarf der Wassersektor daher mehr (grüner) Innovationen, Efizienz und Ressourcenschonung. Eine solche Rückbesinnung auf die Ressourcenefizienz auf der Angebotsseite verlangt nach neuen Technologien, ebenso würde eine „Green Growth“-Perspektive erneut die Rolle privatwirtschaftlicher Akteure stärken. Entsprechend dürfte es auf der Nachfrageseite nur dann zu signiikanten Einsparungen kommen, wenn die Konsumenten den ökonomischen und kulturellen Wert der Wasserressourcen unmittelbar erkennen. Der Weg dorthin führt nicht nur über die Wasserpreise und damit die Geldbörsen, denn Grünes Wachstum zielt ganz wesentlich auch darauf ab, die Teilhabe benachteiligter Bevölkerungsgruppen zu stärken. Nur wenn alle betroffenen Akteure die Verteilung und Nutzung und die entsprechen- den Regeln mit aushandeln, wird Akzeptanz und Bewusstsein bei den Experten, der Wirtschaft wie auch der breiten Be- völkerung erzeugt. Sollte die Wirtschaft sich in der Zukunft neu orientieren und auf grüne, ressourcenschonende Technologien setzen, und sollte die Bevölkerung diese Ressourcen ebenso efizienzorientiert nutzen, so wirkt sich dies auf den Wassersektor unmittelbar aus  aller-dings setzt dies eine erneute Verschiebung der politischen Prioritäten voraus.

Die Ressourcen integriert denken

So erhält die Nachhaltigkeitsdebatte im Wassersektor der MENA-Region durch das Konzept des grünen Wachstums ei- nen neuen Schub. Für ein wirklich grünes Wachstum ist jedoch auch diese sektorale Sichtweise zu kurz gedacht. Wasser ist mit anderen natürlichen Ressourcen wie Energie und Boden direkt gekoppelt. Die Schnittstellen zwischen Wassermanage- ment und dem Management anderer Ressourcen wie Energie und Land werden sich in der Zukunft sogar noch verdich- ten: Mit zunehmender Ressourcenknapp- heit wird sich der Einsatz von Energie in der Produktion von Trinkwasser oder Nahrungsmitteln weiter intensivieren. Umgekehrt zählen Agrar- und Energie- sektor bereits heute zu den zwei größten Wasserkonsumenten weltweit. Daher muss sich auch das Management dieser anderen Ressourcen im Sinne von Green Growth wandeln, sonst erscheint es tat- sächlich unmöglich, Wasser nachhaltig bereitzustellen – wie es auch im Umkehrschluss ohne gutes Wassermanagement unmöglich erscheint, die Landwirtschaft oder die Energieerzeugung nachhaltig zu gestalten.

Der Weg zu ‚Green Growth‘ geht daher zunächst über sektorenintegrierende Strategien wie etwa IWRM in allen relevanten Sektoren, weist jedoch weit darüber hinaus. Vielmehr rücken nun die Querverbindungen zwischen Wasser, Energie und Nahrungsmittelsicherheit in den Mittelpunkt. Damit sind sektoren- übergreifende Konzepte gefragt. So kann heute Energiepolitik in der MENA-Region nicht ohne die Folgen für die Wasserressource gedacht werden. Gleiches gilt in Bezug auf die Landwirtschaft oder auch für die Industriepolitik oder die Stadtplanung. Es ist offensichtlich, dass dies strategische, politische wie auch or- ganisatorische Anpassungen erfordert. Obwohl teilweise noch in der Implemen- tierung der bisherigen sektoralen, z.B. wasserzentrierten Nachhaltigkeitsstrategien stehen die Entscheidungsträger in der MENA-Region heute vor der Wahl, bereits auf eine neue ‚Green Growth‘- Perspektive zu setzen, welche die Verbindungen zwischen Wassermanagement und den anderen Sektoren herstellt, und Efizienz und Nachhaltigkeit breiter in die Gesamtwirtschaft integriert. Ob die institutionelle Landschaft der MENA- Länder hierfür bereit ist, ob also Minis- terien, Industrieverbände, Planer und auch die betroffene Bevölkerung sektorenübergreifend willens sind, zu koope- rieren, erscheint aufgrund der aktuellen politischen Ereignisse und des oftmals tiefgreifenden Vertrauensverlustes je- doch mehr als fraglich.

Erschienen in der Zeitung Mediterranes, 2013, Ausgabe 1.

http://ema-hamburg.org/pages/de/mediterranes/ausgaben/2013/1.-ausgabe.php

Verfasst mit Prof. Johannes Hamhaber, FH-Koeln

Picture by James Gordon: Arab girl in a poor village in the of Al Kuthra, Iraq.

 

 

 

 

 

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